Konvergenz von Organisation und Technologie

Christian Umbach

Mittelständler und Hidden Champions waren jahrzehntelang Weltspitze, aber die digitale Transformation stellt sie vor eine große Zerreißprobe. In dem Gespräch zwischen Lothar Wenzl, systemischer Unternehmensberater aus Wien und Christian Umbach, Co-Founder und CEO von Xapix, einer der führenden Anbieter von Enterprise AI, streifen die beiden Experten hochaktuelle Themen: Über den Bedarf einer neuen Führungs- und Fehlerkultur, der Brückenbildung zwischen Organisation und Technologie und der Demokratisierung von künstlicher Intelligenz in Unternehmen.

Christian Umbach: Lothar, vielen Dank, dass wir uns heute austauschen können. Du bist seit vielen Jahren systemischer Unternehmensberater für Organisationen. Welche Beobachtungen hast du in Bezug auf Führungskultur im deutschen Mittelstand gemacht?

Lothar Wenzl: Führung hat sich in den letzten 5 bis 10 Jahren extrem geändert. Die zentrale Aufgabe von Führung ist in unserer heutigen Zeit hoch fordernd, weil niemand von uns eine Blaupause für Erfolg hat. Führung heute heißt für mich daher einen Rahmen zu geben, in dem Wissen und Energie, Drive und Sinn gebündelt und organisiert zum Fließen gebracht wird. Ziel ist, dass die besten Köpfe - und das heißt nicht nur inhaltlich, sondern auch in Anbetracht ihrer Motivation - gemeinsam etwas erschaffen.


CU: Was bedeutet das für dich konkret? Läuft heute in Unternehmen etwas grundsätzlich anders, als in der Vergangenheit?

LW: Definitiv. Digitalisierung stellt alle bisherige Vorgehensweisen auf den Kopf. Bisher war unsere Welt geprägt von Deduktion. Deduktion heißt so viel wie “ableiten” oder “fortführen” und beschreibt den Prozess, aus bestimmten Beobachtungen Erkenntnisse abzuleiten oder daraus logisch zu schlussfolgern. So wurden Innovationen in Organisationen mithilfe eines Wasserfall-Modells im Projektmanagement eingeführt: Neue Technologien kamen aus der Forschung oder Labor und wurden dann top-down in ein Projekt “gegossen”. 

Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind hingegen abduktive Technologien. Sie schließen von der Wirkung zurück auf einzelne Fälle und versuchen nicht, eine Wirkung zu erzeugen. Das ursprüngliche Bild wird hier umgekehrt - anstatt vom Schließen aus einem Zentrum, das im Sinne der Hierarchie ganz oben stand, werden Schlüsse an der Basis, an den Daten getroffen.

Digitalisierung kann daher Partizipation massiv unterstützen, weil man weg von der Steuerung durch ein Zentrum kommt. Man könnte sagen, damit können demokratische Prozesse etabliert werden. Wenn man dieses Bild auf soziale Systeme wie Organisationen umlegt, sieht man das gleiche Muster. Und genau dort besteht das Ringen: Jede Organisation versucht derzeit mehr Eigenverantwortung, mehr Innovationsfähigkeit, mehr Ideen, mehr Kommunikation, mehr Dialog zu integrieren. Ganz viele sind sich aber nach wie vor nicht im Klaren, dass das nur geht, wenn man auch radikal von einem Zentrum loslässt. 

Das bedeutet nicht, dass keine Entscheidungen mehr getroffen werden. Diese sind wichtiger denn je. Aber es geht darum, dass Entscheidungen so organisiert werden, dass die besten und relevantesten Informationen herangezogen werden. Deshalb ist Digitalisierung eine Riesenchance, wenn man sie sinnvoll, transparent und vernünftig nutzt.

 

CU: Spannend! Wir sehen es ähnlich, dass eine Art Brückenbildung zwischen Organisation und Technologie stattfindet. Wo früher nur selten der CEO in IT-Entscheidungen oder der IT-Strategie involviert war, ist er heute die treibende Kraft für Digitalisierung. Wir haben uns gefragt, warum das so ist und beobachten, dass Organisation und Technologien immer stärker zusammenwachsen und sogar ähnliche Merkmale aufweisen: Sowohl Technologien, als auch Teams müssen in Zukunft agiler, vernetzter und interdisziplinärer sein.
Ein anderes Beispiel sind “traditionelle” Software-Lösungen und Technologien, die aus einem “regelbasierten” Unternehmensmodell stammen. Prozesse und Best Practices wurden auf Basis von Erfahrungswerten definiert, an denen sich das gesamte Unternehmen halten musste, um zu funktionieren. Damit wurde die Organisation regelrecht einzementiert. Nach diesem regelbasierten Verständnis von Führung und Organisation sind Software und Technologien wie Enterprise Resource Planning (ERP) entstanden. Diese ermöglichen zwar Kostenführerschaft, aber fördern nicht unbedingt Innovation oder gar Disruption. Plötzlich kommt der Impuls von außen durch neue Technologien wie Machine Learning und künstliche Intelligenz, die es erlauben aus diesem Paradigma auszubrechen, weil sie die Brücke bauen vom Deduktiven zum Abduktiven wie du sagst. Man schafft den Sprung von einem regelbasierten zu einem modellbasierten Unternehmen und ermöglicht dadurch einen besseren Umgang mit Komplexität und Innovation.

LW: Das ist genau das, was ich mit deduktiv vs. abduktiv beschreibe. Die Komplexität unserer Welt ist zu hoch geworden, um sie aktiv steuern zu können. Das hat man noch lange über detaillierte Planungsmodelle versucht. Mittlerweile gibt es aber andere Möglichkeiten, um der Komplexität Herr zu werden und sie zu fassen zu kriegen, ohne sie - und das hat sich ja nicht geändert - kontrollieren zu können. Wir befinden uns in einem Übergang von einer “Planungslogik” zur “Musterlogik” - also eben von Planungs- und ERP-Systemen in Unternehmen, die Prozesse vorgeben, zu Muster- und Modell-Systemen, die es uns durch angewandte Künstliche Intelligenz besser erlaubt, mit der ungeheuren Komplexität unserer heutigen Welt schneller und besser umzugehen. Das ist aus meiner Sicht die Quintessenz der Digitalisierung: Muster zu erkennen, um daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen. Dafür müssen aber nicht nur Technologie, sondern auch Organisationen grundlegend neu gestaltet und gedacht werden.

 

CU: Was ist aus deiner Sicht der kritischste Punkt bei digitaler Transformation in Sachen Organisation und Unternehmenskultur?

LW: Der Transformationsprozess bezieht sich nicht nur auf Technologie und Information, sondern vor allen Dingen auf Hierarchie, Kommunikation und Innovation. Das ist die Kernfrage, die uns immer wieder begegnet: Wie gestaltet man moderne Organisationen so, damit Ideen entstehen und Innovation möglich wird. Dafür benötigt man eine neue Art von Unternehmen, die Partizipation und Gestaltung - aber auch Fehler erlauben.

 “Fehler begehen” ist bisher ein stark negativ konnotiertes Wort, welches wir aus der Schule und aus leidvollen, persönlichen Erfahrungen kennen. Das macht es aus meiner Sicht so schwierig. Es ist eine gewaltige Herausforderung, weil es an die Grundfesten unserer Sozialisation herangeht. All das, was wir bisher gelernt haben, müssen wir umlernen, verlernen, und etwas Neues dazustellen. Deshalb ist eine der ersten Fragen an Organisationen, mit denen ich arbeite, nicht, wie etwa der Umgang mit Fehlern, sondern wie hoch die Anzahl an Fehler ist, die in der Organisation bewusst gemacht werden. Werden keine Fehler begangen, dann weiß ich, die sind nicht innovativ. Wer zu wenig Fehler macht, kann nicht innovativ werden, weil er nichts ausprobiert.

 Allerdings ist das eine riesige Wandlung - sowohl für Organisationen, als auch auf persönlicher Ebene. Denn noch nie in der Geschichte der Menschheit standen wir in so kurzer Zeit solch disruptiven Technologien gegenüber, die von uns abverlangen, unsere bisherigen Denkweisen zu ändern.

 

CU: Ich sehe das ähnlich - und oftmals als Kombination von Ängsten. Zum einen besteht die Angst, dass es zu sogenannten ‘Blackboxes’ kommt, man Systeme nicht mehr versteht und man die Kontrolle verliert. Das resultiert aus der Einstellung, dass man die Lösungssuche für Problemstellungen häufig komplett auslagert. Dann hat man weder mit der inhaltlichen Erarbeitung zu tun, noch zu dem Problem eine wirkliche Nähe aufgebaut.
Auf der anderen Seite gibt es Teams, die zwar versuchen, etwas alleine aufzubauen, aber dann relativ schnell an fehlender Expertise scheitern. Unternehmen haben es bisher in Teilen verschlafen, das richtige Talent aufzubauen und Mitarbeiter auf dem Weg zur Digitalisierung mitzunehmen, sie zu schulen und zu befähigen, dass sie Lösungen selber erfolgreich entwickeln können. Ein wichtiger Punkt ist hier auch Motivation. Man muss nicht zwangsläufig technischer Experte in den vielen unterschiedlichen Bereichen wie Data Science, DataOps, Machine Learning oder DevOps sein. Aber es hilft, eine intrinsische Motivation und den Willen zu entwickeln, dem Thema seine eigene Couleur zu geben.

LW: Auch das ist die Kernfrage im Change Management: Wie kriegen wir Teams dazu, dass sie selber beginnen zu konstruieren, selber erschaffen, selber Themen zu bauen, damit es für sie passt. Wir versuchen mit den Menschen und Organisationen genau das zu tun. Ansonsten finden sie sich in einer Welt wieder, die von irgendjemand oder von irgendwas konstruiert wird. Und das ergibt für viele Menschen keinen Sinn.

Daher finde ich auch die Demokratisierung von Technologie so wichtig: Mitzugestalten wie Technologie und die Arbeitsplätze der Zukunft aussehen. Dafür brauchen wir einen stabilen Rahmen für Kommunikation. Wie entstehen angstfreie Räume, in denen Fehler thematisiert und über das geredet werden kann, was die Menschen wirklich bewegt, oder was der Kunde braucht. Ab einem gewissen Punkt werden sie nicht einmal mehr als Fehler bezeichnet, sondern als Learnings.

 

CU: Absolut. Allerdings sollte man darauf achten, dass man über die Zeit “bessere Fehler” begeht. Sodass man nicht immer bei den ersten Schritten auf die Nase fällt und von vorne anfangen muss, sondern neue Erfahrungen macht und sich inkrementell verbessert. Um das zu ermöglichen, können Organisationen für spezifische Technologiethemen ein Center of Excellence oder Center of Enablement implementieren. Auf der anderen Seite sollte zukünftig allen Unternehmen der Zugang und das Wissen zu den Herausforderungen und Lösungen ermöglicht werden.
Hier sehen wir bisher eine große Hürde, und zwar dass Enterprise Software für die Entwicklung und Applikation von künstlicher Intelligenz vom Kostenpunkt bisher nur großen Playern vorbehalten ist. Der eigentliche Wandel der Gesellschaft findet aber woanders statt - nämlich an der Basis. Deshalb ist die Demokratisierung von Enterprise AI ein so wichtiger Fortschritt. Wir sehen, dass es unheimlich viel Motivation, Spaß an der Gestaltung und an der Entwicklung eines technischen Produkts gibt. Und genau auf dieser Ebene geschieht Innovation. Geschäftsresultate durch angewandte künstliche Intelligenz betreffen in erster Linie zwar Unternehmen, aber noch viel wichtiger ist der Einfluss auf die Menschen, die davon betroffen sind. Bei der Digitalisierung geht es um eine tiefgreifende und breite Veränderung von Gesellschaft, Organisationen und Wirtschaft - das erreichen wir nur durch Co-Creation und Anpacken, sonst wird unsere Zukunft nicht nur von einigen wenigen, top-ausgebildeten Data Scientists und Machine-Learning-Experten geschaffen. Das halte ich für falsch. Unternehmen müssen jetzt handeln, um Mitarbeitern mehr technischen Zugang zu ermöglichen, das steht für uns auch im Zentrum unseren Handelns.

LW:  Genau. Wenn wir Digitalisierung breit und tief in Gesellschaft und Wirtschaft verankern und zur Verfügung stellen wollen, müssen wir uns in derselben Art und Weise damit beschäftigen, was das für Unternehmen, Führung und Mitarbeiter bedeutet: Wie können wir Technologien und Organisationen gemeinsam integrieren, damit sie ein neues Denken und Handeln in die Welt bringen.


Über trainconsulting

trainconsulting berät seit über 30 Jahren Führung bei organisationalen Veränderungen. Wir sind Zumuter*innen. Wir wissen, dass Veränderungen schwierig sind. Im tiefen Vertrauen, dass diese gelingen, gehen wir Problemen auf den Grund. Wir erkennen Muster, bringen Außensicht ein, sprechen Klartext und bringen so Entwicklung in Gang. Durch unsere Arbeit zeigen sich neue Perspektiven, Zielbilder und Handlungsoptionen. Unsere Kund*innen können damit Probleme an der Wurzel packen. Es entstehen neue Lösungen und Entscheidungen, die halten.

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Über Xapix 

Xapix unterstützt Hidden Champions und Mittelstandsunternehmen bei dem Einsatz von angewandter künstlicher Intelligenz mit der umfangreichsten Low-Code AI-Plattform. Die Anwendung von Künstlicher Intelligenz ist bisher wenigen Konzernen mit großen Forschungs- und IT-Etats vorbehalten. Xapix unterstützt umfassend Datenintegrations- und Orchestrierungsanforderungen, demokratisiert und operationalisiert Künstliche Intelligenz und ebnet den Weg hin zu einem KI-getriebenen Unternehmen. Damit befähigt Xapix Hidden Champions und den Mittelstand, die digitale Transformation sowohl in der Kernorganisation als auch durch die Verknüpfung mit externen Partnern entlang der Wertschöpfungskette weiter voranzutreiben. Durch die Vereinheitlichung und Zusammenführung unterschiedlichster Datenströme, dem schnellen Einsatz von KI und dem Verknüpfen der gesamten digitalen Unternehmenslandschaft werden disruptive Geschäftsmodelle erfolgreich und sicher umgesetzt.

www.xapix.io